„Die Heimerziehung in den Jahren 1945-1970 wissenschaftlich aufarbeiten“
St. Vincenzstift Aulhausen und Franz-Sales-Haus in Essen fördern eine vergleichende Studie des Lehrstuhls für Kirchengeschichte der Ruhr-Universität Bochum
Aulhausen, den 7. Mai 2010.- Das St. Vincenzstift Aulhausen und das Franz-Sales-Haus in Essen fördern eine vergleichende Studie zur Heimerziehung ihrer Einrichtungen in den Jahren 1945-1970, die an der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt wird. Das Forschungsprojekt ist am Lehrstuhl für Kirchengeschichte von Prof. Dr. Wilhelm Damberg angesiedelt, zu dessen Forschungsschwerpunkten in Verbindung mit einer interdisziplinären Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft die Zeitgeschichte und die Caritasgeschichte gehören. Zusammen mit Forschern der Evangelisch-Theologischen Fakultät wird dort bereits maßgeblich an der Erforschung der Konfessionellen Heimerziehung in den 1950/60er Jahren gearbeitet, so dass das neue Projekt auf einer breiten wissenschaftlichen Grundlage steht. In diese Untersuchung sollen zudem Erfahrungen ehemaliger Heimkinder der Einrichtungen einfließen.
„Bereits zu Beginn der Heimkinderdebatte, die auch das Vincenzstift betrifft, erschien es mir wichtig, neben den Kontakten zu ehemaligen Heimkindern die Heimerziehung der Nachkriegsjahre wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Denn nur wenn wir die Fehler der Vergangenheit verstehen, können wir sicherstellen, dass so etwas nie wieder passiert“, erläutert der Direktor des St. Vincenzstiftes, Dr. Dr. Caspar Söling. In die Studie wird auch die Jugendhilfe Marienhausen einbezogen, die 1924 bis 1991 eine Einrichtung der Salesianer Don Boscos war und sich seitdem in Trägerschaft des Vincenzstiftes befindet.
Im Zuge der ersten Gespräche mit Prof. Wilhelm Damberg und Dr. Bernhard Frings, der als Wissenschaftlicher Mitarbeiter die Untersuchung leiten wird, habe sich eine vergleichende Studie auch aus wissenschaftlicher Perspektive als äußerst interessantes und innovatives Vorhaben angeboten. „Bislang gibt es im Zusammenhang mit der Heimkinder-Debatte kaum historische Studien zu den Einrichtungen der Behindertenhilfe. Mit dem Vergleich dieser Einrichtungen ergibt sich die Möglichkeit, die Gemeinsamkeiten wie auch die Unterschiede in ihrer spezifischen Entwicklung herauszuarbeiten und so zu differenzierten und belastbaren Erklärungsansätzen zu gelangen“, so Prof. Damberg.
„Ich begrüße diese Idee einer vergleichenden Studie, denn sie wird die aktuelle Diskussion zum Thema Heimkinder versachlichen. Eine nur emotionale Auseinandersetzung mit diesem Thema dient nicht der Wahrheitsfindung“, sagte der Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst.
„Auf der Grundlage fundierter historischer Forschungen soll dargestellt werden, welche Schicksale die Betroffenen erlitten und welche Strukturen zwischen 1945 und 1970 die Betreuungsarbeit in den drei Einrichtungen bestimmten“, benennt Dr. Dr. Söling die Ziele der Dokumentation. Es werde zu fragen sein, welche personellen und räumlichen Voraussetzungen vorhanden waren, welche pädagogischen Leitlinien die Bemühungen prägten, wie die herrschenden Verhältnisse von den staatlichen und kirchlichen Behörden betrachtet wurden, welche Wandlungen sich im Laufe der zu untersuchenden 25 Jahre vollzogen und welche Konflikte sich bereits zeitgenössisch nachvollziehen lassen. „Dabei wird ein wesentlicher Schwerpunkt darin liegen, ein möglichst objektives Bild des Haus-Alltags der Einrichtungen und der Lebensverhältnisse der Kinder und Jugendlichen zu zeichnen.“
Die Studie wird multiperspektivisch angelegt: Bis Ende 2010 werden zunächst schriftliche Quellen der Einrichtungen gesichtet und betroffene Zeitzeugen befragt, um einen ersten Überblick über die Situation der Heimerziehung in den Häusern zu erhalten. Vor allem die Befragung ehemaliger Heimkinder, Bewohner und Erzieher soll dazu beitragen, den schriftlich oft nur unzureichend dokumentierten Heim-Alltag zu erfassen.
Bis Mitte 2011 werden dann ergänzende Recherchen besonders in staatlichen Archiven durchgeführt, durch die verstärkt die Außensicht zum Tragen kommen soll. Hier geht es darum festzustellen, wie die in den Einrichtungen geleistete Arbeit beurteilt wurde und wie sich die wirtschaftliche Situation darstellte.
In der dritten Phase bis Herbst 2012 liegt der Schwerpunkt auf der vergleichenden Perspektive, in der die Besonderheiten der einzelnen Einrichtungen herausgearbeitet werden. Hierzu zählen die zugrunde liegenden pädagogischen Konzepte und die personelle Situation ebenso wie die Trägerschaft, die Standorte in verschiedenen Bundesländern und die daraus resultierenden rechtlichen Rahmenbedingungen.
„Die Ergebnisse der Untersuchungen aller drei Phasen werden in differenzierter Form in einem Abschlussbericht dokumentiert, der sowohl die Profile der einzelnen Einrichtungen als auch übergreifende Aspekte enthält“, skizziert Dr. Dr. Söling das Forschungsdesign. Der Abschlussbericht werde veröffentlicht.
„Ehemalige Heimkinder, die das Projekt unterstützen wollen, bitten wir, mit uns oder direkt mit Dr. Frings als dem verantwortlichen Leiter des Forschungsprojektes Kontakt aufzunehmen.“
Den Teilnehmern wird selbstverständlich Anonymität zugesichert.
Dr. Frings ist erreichbar unter:
Mail:
Bernhard.Frings@ruhr-uni-bochum.de
Postanschrift:
Ruhr-Universität Bochum
Lehrstuhl für Kirchengeschichte
Dr. Bernhard Frings
GA 6/148
D-44780 Bochum
Zur Person:
Prof. Dr. Wilhelm Damberg und Dr. Bernhard Frings sind Mit-Herausgeber des 2010 erschienen Buches „Mutter Kirche-Vater Staat? Geschichte, Praxis und Debatten der konfessionellen Heimerziehung seit 1945.“
Prof. Dr. Wilhelm Damberg (*1954) studierte Katholische Theologie und Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. 1985 wurde er zum Dr. theol. mit der Dissertation „Der Kampf um die Schulen in Westfalen 1933-1945“ promoviert. Es folgte 1996 die Habilitation im Fachbereich Mittlere und Neuere Kirchengeschichte mit der Habilitationsschrift „Abschied vom Milieu? Katholizismus im Bistum Münster und in den Niederlanden 1945-1980“. Nach einem Lehrauftrag an der Universität Mainz (1998/1999) und einer Lehrstuhlvertretung an der Universität/Gesamthochschule Essen erhielt Damberg im Jahr 2000 die Professur für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.
Der Historiker Dr. Bernhard Frings (*1964) promovierte an der Universität Dortmund mit der Dissertation „Von der Sorge um das Seelenheil auf den Weg in den Sozialstaat. Die katholische Heil- und Pflegeanstalt Stift Tilbeck 1881-1981“. Er war seit 1992 Wissenschaftlicher Mitarbeiter verschiedener Forschungsprojekte (u.a. Zwangsarbeiter-Recherchen im Bistum Münster, Kommission für Zeitgeschichte in Bonn) und ist seit 2008 Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Projekt „Konfessionelle Heimerziehung in der frühen BRD“ an der Ruhr-Universität Bochum sowie beim Projekt „Emslandlager und Kirche“ des Bistums Osnabrück.
Kontakt:
Dr. Bernhard Frings
Ruhr Universität Bochum
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Lehrstuhl für Kirchengeschichte
Dr. Bernhard Frings
GA 6/148
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